Tobias

Hunderte Milliarden verschenkt – Die Wahrheit über die Finanztransaktionssteuer

Finanztransaktionssteuer Blogbeitrag

Hallo zusammen,

wie ihr sicher bereits wisst plant Finanzminister Scholz eine Aktienstrafsteuer unter dem plakativen Titel: „Finanztransaktionssteuer“.

Das diese nur den kleinen Aktiensparer und nicht den Spekulanten trifft wird gern unter den Tisch gekehrt, ich habe es allerdings bereits vor ein paar Monaten hier im Blog beschrieben. Diese abgespeckte Steuer soll jetzt noch zwischen 1,2 und 3,9 Milliarden Euro pro Jahr einbringen statt ursprünglich geplant bis zu 34 Milliarden Euro.

Wie kommt es eigentlich zu dieser Differenz um den Faktor 10 ? Ich habe mich gefragt wie hoch die Einnahmen einer „echten“ Finanztransaktionssteuer ausfallen könnten, sollte man diese nicht nur auf private Aktiensparer abwälzen sondern auch andere Wertpapiere und Spekulanten beteiligen.

Die Ergebnisse sprechen für sich.

Olaf Scholz Vorstellung einer gerechten Besteuerung

Die Finanztransaktionssteuer soll zwischen 0,1 und 0,3 Prozent betragen und bei jedem Umsatz einer Aktie mit eines Unternehmens mit einer Marktkapitalisierung größer einer Milliarde € anfallen. Ausgenommen bleiben Daytrader, Hochfrequenzhandel und neben Anleihen auch sämtliche Derivate. Übrig bleiben also in erster Linie die Privatanleger.

ETF, Fonds und andere aktienbasierte Produkte (z.B. fondsgebundene Lebensversicherungen) werden die Kosten mit Sicherheit an den Kunden weitergeben.

Olaf Scholz

Olaf Scholz – Bekämpfer der Spekulanten, oder so ähnlich.
Quelle: Frank Schwichtenberg [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Aber Aktien sind schließlich auch der größte Posten, Zockerpapiere ! Wenn man irgendwo Geld reinholen kann dann dort. Oder ?

Nicht ganz !


Umsatz durch Aktien – Geldanlage für Groß und klein

Schauen wir uns nur den Umsatz an XETRA und Börse Frankfurt der DAX-Aktien nur für den September 2019 an sehen wir die recht hohe Zahl von 76.259.117.064,88 € also rund 76 Mrd. € .Im Jahr 2018 lag der Gesamtumsatz bei 1.014.874.811.929,76 € , also mehr als einer Billion Euro.

Dazu kommt noch der MDAX, dessen Komponenten auch alle über 1 Mrd. € Marktkapitalisierung aufweisen. Hier kamen im September nochmal ca. 18 Mrd. dazu. Im gesamten Jahr 2018 waren es knapp 200 Milliarden €.

Gehen wir mal der Einfachheit halber vom Umsatz der anderen deutschen Börsen, anderer Aktien die nicht im DAX oder MDAX gelistet sind und dem unklaren OTC-Handel von zusätzlichen 5 Milliarden Umsatz im Monat oder 60 Milliarden im Jahr aus die noch oben drauf kommen.

Das Gesamthandelsvolumen liegt also bei rund 1300 Milliarden € im Jahr.

Das klingt erstmal viel. Und davon 0,3 Prozent ergibt *trommelwirbel* 3,9 Milliarden Euro beziehungsweise 1,3 Milliarden Euro bei einem Steuersatz von 0,1 Prozent.


Hat Olaf Scholz sich bei den Aktien verrechnet ?

Wenn ich mich jetzt also nicht komplett verrechnet habe haben die Experten von Olaf Scholz vielleicht den gleichen Rechenweg wie ich verwendet. Dieser wäre aber komplett sinnfrei, schließlich müsste hierbei noch der Anteil an Akteuren wie Daytradern, Market-Makern und Hochfrequenzhandel herausgerechnet werden, die im Aktienhandel wahrscheinlich auch einen größeren Prozentsatz ausmachen.

Vielleicht geht man aber auch von größeren Mengen an OTC-Geschäften oder dem Einfluss von ETF und Fonds aus ? Vielleicht kann mir an dieser Stelle ein Leser weiterhelfen.

Wie dem auch sei, selbst wenn der gesamte Aktienumsatz von DAX und MDAX besteuert würde ergeben sich nur 3,9 Milliarden Euro. Davon kann der Staat gerade mal die Bundespolizei bezahlen.

Aber warum besteuert man nur Aktien ? Bei den ganzen Zertifikaten muss doch noch was zu holen sein.


Umsatz durch strukturierte Wertpapiere – Zocken für Kleine

Hier wird es doch spannend, oder ? In diese Kategorie gehören Optionsscheine, Zertifikate und so weiter. Die Dinge mit denen die Privatanleger zocken und die Börsen destabilisieren.

Interessant schonmal, dass der Umsatz dieser Derivate transparenter als der der Anleihen ist. Der Deutsche-Derivate Verband führt eine Statistik für die Börsen Stuttgart und Frankfurt. Die Gesamtsumme ist mit ungefähr 40 Milliarden Euro im Jahr allerdings ernüchternd. Hier ist also nicht viel zu holen. Sind ja auch nur Privatanleger. Die 80 Millionen an Steuern hieraus würden heutzutage ja kaum mehr für einen mittelmäßigen Fußballprofi reichen.

Hat Olaf Scholz denn auch mal daran gedacht die ganzen Lebensversicherungen und Banken mit ins Boot zu holen, die großteils auf Anleihen setzen (müssen) ?

Derivate Umsatz

Der jährliche Umsatz strukturierter Wertpapiere. Quelle: Deutscher Derivate Verband.


Umsatz durch Anleihen

Die deutsche Finanzagentur hat errechnet, dass im Jahr 2018 allein mit Bundesanleihen ein Umsatz von 4700 Mrd. € erzielt worden ist (ohne Erstemissionen). Das allein ist das dreieinhalbfache des Aktienumsatzes !

Da Bundesanleihen zwar wahrscheinlich bei weitem der größte Posten sind und ich leider die anderen Umsätze nicht kenne vermute ich allerdings einfach mindestens 5000 Mrd. € Gesamtumsatz.

Davon 0,2% ergibt also mindestens 10 Milliarden € an potentiellen Steuereinnahmen. Deutlich mehr als bei den Aktien und mehr als der Bund im Jahr fürs Elterngeld aufwendet.

Gibt es vielleicht irgendwo noch mehr zu holen ? Derivate hatten wir doch oben schon, oder ?

Der Umsatz deutscher Staatsanleihen. Quelle: Deutsche Finanzagentur.

Der Umsatz deutscher Staatsanleihen. Quelle: Deutsche Finanzagentur.


Umsatz durch Optionen, Futures und andere Derivate – Zocken für Große

Dazu habe ich mir mal den Umsatz an der EUREX, einer der größten Börsen für Termingeschäfte weltweit, angeschaut. Interessant ist unter anderem die Produktauswahl. So kann ich Futures auf ETF, Dividenden von einzelnen Unternehmen aber auch auf jedes Währungspaar handeln, dass man sich vorstellen kann. Neben den sicherlich auch vorhandenen Absicherungsstrategien erinnert das Ganze schon ein bisschen an britische Buchmacher, bei denen man auf den Namen des nächsten royalen Babys wetten kann. Wie dem auch sei.

Jetzt kommt der eigentliche Hammer: Dort sind allein im August 2019 Derivate im Umfang von 10.711.542.652.950 gehandelt worden. 10,7 Billionen Euro. Also fast 10-Mal so viel wie an einem ganzen Jahr in Aktien umgesetzt wird.

Aufs Jahr gesehen ergibt sich dort ein Umsatz von 90 – 100 Billionen Euro. Nochmal zum mitschreiben: 90000 Milliarden € !

Davon 0,2 % ergibt erstaunliche 180 Milliarden Euro ! Zum Vergleich: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat fürs Jahr 2019 Ausgaben in Höhe von 145 Milliarden Euro vorgesehen. Die Rentenkassen schütten um die 300 Milliarden Euro pro Jahr aus.

Zugegebenermaßen habe ich wenig Ahnung was die steuerlichen Gegebenheiten bei solchen Derivaten angeht und sicherlich sind dort auch wieder Werte dabei auf die man keine Steuer erheben dürfte aber nehmen wir mal an, dass nur 10% der Transaktionen dort steuerpflichtig wären kämen wir bereits auf 18 Milliarden Euro im Jahr.

Die Eurex - ein der größten Optionsbörsen


Der Staat verschenkt Milliarden

Die 3,9 Milliarden Euro die Olaf Scholz einnehmen will sind also eigentlich noch viel zu wenig. Denn wo er sie herholen will ist leider komplett daneben.

Bei einer Besteuerung aller Wertpapierarten ergäben sich tatsächlich Einnahmemöglichkeiten im Dreistelligen Milliardenbereich ! Je nach Berechnung wären  so theoretisch 100 – 300 Milliarden Euro möglich.

Und auch erst wenn man über eine Besteuerung von Derivaten nachdenkt kann man überhaupt auf die Idee kommen 34 Milliarden Euro zu veranschlagen ! Das wäre nämlich bei einer Besteuerung aller anderen Wertpapierarten mit dem bisher kursierenden Steuersätzen ein absolut unrealistisches Ziel.


Fazit

Auch wenn ich mich wiederhole:

  1. Mit der Finanztransaktionssteuer belastet man eines der umsatzschwächsten Wertpapiersegmente. Anleihen und Derivate werden in viel höherem Umfang gehandelt. Die angebliche „Transaktionssteuer“ wird nicht einmal auf ein Prozent der gesamten Börsentransaktionen erhoben. 99 Prozent der Transaktionen werden nicht besteuert !
  2. Mit der Finanztransaktionssteuer trifft man nur Privatanleger. Daytrader, Hochfrequenzhandel und institutionelle Investoren die meist Derivate handeln bleiben ausgenommen.
  3. Die Schätzung der angenommenen Höhe der jährlichen Einnahmen in Höhe von 3 Milliarden € ist mehr als fraglich und passt nicht zum Umsatz an den Börsen, wenn Daytrader und Hochfrequenzhandel diese nicht zahlen müssen.
  4. Die eigentlichen Spekulationen mit Derivaten z.B. an der EUREX haben einen 100-fach höheren Umsatz. Würde man diesen Umsatz nur mit 0,01% besteuern würde man im Jahr über 12 Milliarden € einnehmen.
  5. Würde man nur 10% der Derivate ebenfalls mit 0,2% besteuern ergäben sich allein an der EUREX Einnahmen in Höhe von 18 Milliarden € im Jahr.
  6. Theoretisch liegen die Einnahmemöglichkeiten im Derivatesektor im dreistelligen Milliardenbereich

Zusammenfassend: Meine Kritik gilt weniger der Höhe (die für den Einzelnen wenig ins Gewicht fällt) oder der Steuer an sich, als vielmehr der absolut falschen Lenkungsrichtung dieser Steuer. Kleinanleger werden bestraft und Spekulanten dürfen weiter machen wie bisher.


Was tun ?

Hier gibt es eine Petition des DSW (mit denen ich ansonsten nichts zu tun habe) gegen die Finanztransaktionssteuer.

Auch der Börsenverein Nürnberg hat eine entsprechende Petition gestartet.

Wenn ihr auch meiner Ansicht seid bitte ich euch diese zu unterschreiben.

Ansonsten fürchte ich, dass wir machtlos sind weil die Lobby der Banken und Spekulanten leider wesentlich größer und mächtiger als die der Kleinanleger ist.

Aber wenn euch jemand über den Weg läuft, der Olaf Scholz‘ Aktiensteuer für eine tolle Idee gegen das Großkapital hält zeigt ihm doch bitte diesen Beitrag. Danke.



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Schaut euch auch meine weiteren Projekte an: Das Charity-Depot und den Selbstversuch Optionsscheine.

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Kommentar (4)

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    Pascal Weichert| September 11, 2019

    „Neben den sicherlich auch vorhandenen Absicherungsstrategien“, das ist die Hauptaufgabe von Derivaten.
    Das ist wie eine Hermesdeckung, nur für alles mögliche und ermöglicht Unternehmern erst heutzutage eine angemessene Planungssicherheit in einer Globalisierten Welt herzustellen. Diese zu besteuern würde zu erheblichen Mindereinnahmen bzw. Mehrbelastungen an anderen Stellen führen.Genauso wie ein HF handel sehr nützlich sein kann.

    Das hat nicht viel mit Bankenlobby zu tun, die gefühlt in der EU nicht existent ist (Basel 3 , Mifid etc.).

    Gruß,
    Pascal

    PS. Dein Impressum ist nicht richtig eingebaut. (Solltest das Foto mal gegen richtigen Text austauschen^^)

    • Tobias
      Tobias| September 12, 2019

      Hallo Pascal,

      das mag sein. Leider verdienen daran aktuell nur die Händler und Börsen.
      Warum Privatanleger aber Institutionen eben nicht besteuert werden ist meine Hauptkritik an dieser Steuer.
      Wenn du meinst, dass ich mich irre kannst du gern eine Gegendarstellung schreiben. Ich veröffentliche Sie dann auch gern an dieser Stelle oder als Gastbeitrag.

      LG,

      Tobias

      P.S.: Danke für den Hinweis aufs Impressum. Das ist noch aus der Zeit, als ich mich noch nicht so gt auskannte und ein Indexierung vermeiden wollte.
      Ist heute nicht mehr nötig.

  • Avatar
    Pierre Andreä| September 12, 2019

    Wir, der Börsenverein Nürnberg e.V. haben hierzu eine Petition gestartet.
    Über eine Unterstützung freuen wir uns sehr!
    https://www.openpetition.de/petition/online/keine-zusaetzlichen-steuern-fuer-privatanleger-keine-finanztransaktionssteuer-2

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